Arbeitsteilung

Nach meinem Chaotenbekenntnis wurde schon gewundert, wie ein pedantischer ordentlicher Mensch (z.B. der Allerbeste) das wohl übersteht.

In früheren Beziehungen welcher Art auch immer war das Chaos durchaus eine, nunja, Stresskomponente. Zuhause nur begrenzt – scheint vererbt zu sein. In meinem AuPair-Jahr hat meine wundervolle Gastmutter mit mir den Deal geschlossen, dass mein Zimmer aussehen darf wie es will, solange ich im restlichen Haus hinter den Kindern aufräume. Nur ein einziges Mal wurde ich für einen Großelternbesuch um eine Aufräumaktion zum Herzeigen gebeten. War eine sehr liebe Frau, diese Gastmutter. In Studentenwohnheimen war es auch so, dass mein Zimmer unbegehbar war, ich aber durchaus die Gemeinschaftsküche und ähnliche Orte brav ordentlich und sauber gehalten habe und zwar sauberer als so manche Mitbewohnerin. Warum das in Gemeinschaftsräumen geklappt hat, bei mir selbst aber nicht, ist eine berechtigte, aber bisher ungelöste Frage.

Dann natürlich Partnerschaften. Alleine kann man ja hausen wie man mag, doch wenn früher oder später Zusammenwohnen auf dem Plan steht, dann ist das ein Punkt für Reibereien. Schlicht deshalb, weil nicht nur das Verhalten sich unterscheidet, also aufräumen oder nicht – sondern auch die Wahrnehmung. Was den einen stört, registriert die andere nicht mal. Und wenn dann noch andere beziehungstechnische Kleinigkeiten dazu kommt, wird das auch mal anstrengend. Ich kann ja nur von meiner Seite reden. Jedenfalls fand ich es nicht nett, wenn in regelmäßigen Abständen alle meine unsortierten Papiere und Kleinkram in einer Art Mülltüte verschwanden, weggepackt wurden und dort, da aus meinem Blickfeld, versauerten. Ebensowenig nett fand ich es, wenn die von mir mühsam gefaltete Wäsche wieder einzeln auseinander genommen wurde, weil das Teilungsverhältnis bei den Handtüchern offenbar falsch war und die Socken nicht korrekt aufeinander gelegt. Ich hatte immer das Gefühl, dass ich mich noch so sehr bemühen konnte, es hilft ja sowieso nichts – und ich wurde ständig dafür kritisiert. Mal mehr, mal weniger offen.

Und dann kam der Allerbeste. An einem Wochenende, an dem meine Wohnung eigentlich definitiv unbegehbar war und er trotzdem unbedingt mit zu mir wollte. Später hat er mir seinen Schock eine leichte anfängliche Irritation gestanden, doch an diesem Wochenende hat er gelächelt und zwei Tage lang aufgeräumt wie der Wirbelwind. Wir haben gemeinsam geräumt, geputzt und ausgemistet und noch so ein paar andere Dinge nebenbei. Ohne einen Kommentar zu meiner Unordnung. Ich war überrascht und konnte mir nicht vorstellen, dass das weiter so klappen sollte. Aber genau das ist passiert. Ich wurde nicht angemeckert, niedergemacht oder verspottet für mein Chaos. Die einzigen Kommentare waren in die Richtung “Naja, so bist Du eben, jeder ist anders”. Er hat noch nie erwartet, dass ich ordentlicher werde oder mir mehr Mühe gebe. Er hat mich buchstäblich so genommen, wie ich bin. Wie wunderbar!

Unsere heutige Verteilung der Alltagsaufgaben entspricht genau diesem Verhältnis, dass der Allerbeste von Anfang an zu der Chaotin in mir hatte. Er räumt auf. Er putzt. Er spült, saugt und schrubbt. Er sortiert und wäscht unsere Wäsche. Kurzum: er wirft unseren kompletten Haushalt. Anfangs hatte ich deshalb ein unglaublich schlechtes Gewissen. Immer wieder habe ich versucht, mehr Hausfrau zu sein, habe versprochen, was ich in den nächsten Tagen alles erledigen würde. Umsonst. Das Chaos lies mich nicht los, und der Druck, den ich mir selbst durch die Versprechungen machte, wurde statt dessen immer größer. Da half es genau überhaupt nichts, dass der Allerbeste mir immer wieder versichert hat, dass ich mir keinen Druck machen muss und er kein Problem damit hat, wenn ich das alles nicht tue.

Ich hatte das Gefühl, überhaupt keine Pflichten zu übernehmen und fühlte mich schlicht fürchterlich, so von wegen Gleichberechtigung und Partnerschaft und so weiter. Doch dieser wundervolle Mann beharrt bis heute darauf, dass das alles ganz anders ist. Er hält mir vor, dass ich koche und mir Essen ausdenke. Dass ich Urlaube plane, Bilder sortiere und das Kleingedruckte in unseren Verträgen kontrolliere. Dass ich Informationen sammle, einkaufen gehe und ihn in Finanzdingen berate. Dass ich seine Briefe formuliere und Geschenke organisiere. Mir kam es dagegen vor, als hätte ich mir damit die Rosinen im Alltag herausgepickt und als müsste er alle lästigen Dinge ohne Ausnahme übernehmen. Ich kann mir schlicht (immer noch) nicht vorstellen, dass jemand lieber die Küche putzt als nach einer passenden Haftpflichtversicherung sucht. Oder lieber Wäsche wäscht und faltet als gemütlich zu kochen. Doch mir wird hier täglich erklärt, dass genau das der Fall ist. Und langsam, ganz langsam, fange ich an, ihm zu glauben und mein schlechtes Gewissen ins Eck zu verbannen.

Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute mit dieser unkonventionellen, aber so einfachen Arbeitsteilung…

11 Gedanken zu “Arbeitsteilung

  1. Tja, wie sagte man in meiner alten Heimat: Jedes Dippsche hat sein Deggelsche und jedes Rippsche hat sein Gschmäggelsche.

    So, und nund darfst du raten, was das heißt und wo ich ursprünglich her kommen ;)

  2. Herr Papa: ich weiss es! ;)

    Frau Schussel: Ich freu mich, dass Sie so eine Aufeilung gefunden haben. Wir suchen noch. Wber ein Stück weit haben wir es schon geschafft.

  3. Na das klingt doch sehr nach ‘da haben sich zwei gesucht und gefunden …

    was deine frueheren HausfrauenEigenschaften in vermutlich frueheren Partnerschaften angeht: da finde ich mich wieder … und meinem Ex war es nie sauber und ordentlich genug, nein, er musste mir immer noch mal hinterher wischen … obwohl es sauber und ordentlich war …

    ein Gefuehl, das ich nicht mehr haben moechte und auch in meiner Beziehung/Ehe nicht mehr vermittelt bekomme …

  4. also ich finde die methode gar nicht unkonventionell! sie ist bei uns genauso. ich schmeiße haushalt und wäsche und hassenichtgesehen und mein geliebter hape macht so ekelkram wie bankgedöns, versicherungen, telefonzeugs und was halt so anfällt. ich bin heilfroh, daß ich das eine nicht machen muss, er ist heilfroh, daß ihm das andere erspart bleibt!
    so sind wir glücklich und keiner braucht ein gewissen zu haben!
    du siehst also, bei euch sind höchstens vielleicht die geschlechterrollen vertauscht, mehr nicht! :D

  5. Einfach nur wow. Sowas gibt’s also auch? Glückwunsch zu diesem Mann!

    Genau das war der Haken in meiner langjährigen Beziehung, hatte auch immer ein furchtbar schlechtes Gewissen, weil ich die Chaotin war. Allerdings hat sich bei uns kein wirklich ausgeglichenes Verhältnis herauskristallisiert… :(

  6. :-)
    Ist hier auch so, aber Alain findet das nicht so gerecht(und das mit der Mülltüte kenne ich)Bloss: es stört mich selbst(was ja bei Dir nicht der Fall ist.
    Und: ich mache diese Sachen schon bei der Arbeit….So habe ich zuhause noch weniger Lust dazu,als vielleicht meist sowieso üblich ist.
    ich koche und mache die Wâsche lieber selbst in die Maschine,weil Alain die Farben nicht trennt!
    Aufhängen soll er aber schon (aber mal mache ich es ,mal Alain)
    Wie sieht die Arbeitsteilung bei Florian aus?

  7. *sniiiieeef*
    Schön. Immer wieder schön zu lesen, dass es mehr Paare gibt, bei denen die Aufgabenverteilung einfach so funktioniert :)

  8. Wie schön.
    Bei uns ist es ähnlich. Er macht lieber die Küche, dafür mähe ich den Rasen (so ca. 11-1200m2). Ich werde dann zwar immer mitleidig von den Nachbarn angesehen, nach dem Motto – schau mal der läst wieder seine zarte Frau …. Aber die wissen ja nicht, dass zum selben Zeitpunkt MeinBester in der Küche wirbelt, spült, putz und poliert. Ich würde die nieee und nimmer so schnell und so tippitoppi sauber ordentlich bekommen ;)
    Sehr zum Leidwesen meiner näheren weiblichen Verwandschaft, ist mir alles hausfräuliche zuwider. Dementsprechen ernte ich auch immer wieder dämliche Kommentare, auch in Bezug auf MeinenBesten. Mann-Frau-Rollenverteilung versteht sich ;)
    Aber er wäre am liebsten Hausmann und ich wirbel lieber im Papierkram, Garten, Urlaubs- und Tourplanung, Terminierungen, Finanzen etc, rum (Ist auch manchmal besser so ;) )
    Liebe Grüße

  9. Wow! Gelebter Traum! :-)

    Hier war das bis vor gaaanz kurzem gar nicht so, aber es ändert sich grad ne Menge..
    (ach, und “Stresskomponente” ist ein niedliches Wort ;-) )

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