Bruder sein

Knirps: 3 Jahre, 12 Tage

Zwuckel: 4 Monate, 10 Tage

Viel hatte ich darüber nachgedacht, wie sich mein Verhältnis zum Knirps mit der Ankunft seiner Schwester ändern würde. Ob er mir vielleicht dadurch größer vorkommen würde, ob ich Schuldgefühle haben würde, was auch immer – alles nicht abwegig. Doch als der Knirps 6 Stunden nach der Zwuckelgeburt ins Klinikzimmer lief, da bemerkte ich zu meiner Erleichterung keinen Unterschied zum Vortag, und das ist auch bis heute so geblieben. Er war immer noch genauso klein und groß wie bisher. Nur etwas eingeschüchtert vielleicht. Er wollte sein kleines Schwesterchen sofort sehen und zu mir ins Bett klettern, aber anfassen wollte er sie zunächst gar nicht. Fast, als hätte er Angst gehabt, etwas an diesem kleinen Winzling kaputt zu machen. Erst Stunden später nahm er das Zwuckelchen ganz, ganz vorsichtig für ein erstes Familienfoto in den Arm. (Der Mann übrigens hatte dagegen diesen oft berichteten “Wow, war der schon immer so groß?”-Effekt.)

Es folgten die ersten zwei Monate zuhause, in denen wir dank Elternzeit des Mannes zu viert waren. Das war die beste Entscheidung überhaupt. So konnte ich mich wirklich von Grund auf erholen, wurde umsorgt und gepflegt und musste mich zunächst abgesehen vom Stillen um rein gar nichts kümmern. Was für ein Luxus. Während ich mit unserem pflegeleichten Zwuckelbaby also anfangs im Bett lag, später auf dem Sofa oder am PC saß, hatte der Knirps dennoch immer jemanden auch für sich (natürlich war er auch bei mir. Im Bett essen fand er sehr spannend.). Auch die Großeltern halfen kräftig aus, und ich war recht bald wieder vergleichsweise fit, so dass das ganze am ehesten eine Art sehr entspannter Familienurlaub war.

Von Anfang an liebte der Knirps das Zwuckelchen – auf eine eher ruhige und fürsorgliche Art. Er überschüttet sie nicht mit Küssen und Liebesbekundungen, aber er achtet immer darauf, dass sie alles hat, was sie braucht. In den ersten Wochen war es für ihn spannend, beim Wickeln zu helfen, ihre Sachen heranzuschleppen oder beim Stillen zuzuschauen. Er kletterte für jeden Windelwechsel auf das Regal neben dem Wickeltisch und hielt Händchen mit seiner kleinen Schwester. Das hat sich mittlerweile gelegt, es ist eben “nur” noch Alltag. Dagegen gibt es noch heute Tränen, wenn ich mit dem Zwuckelbaby nicht mit zum Einkaufen fahren will. Sie soll immer und überall dabei sein. Wenn ich sie kurz alleine in einem Zimmer ablege, um ins Bad zu gehen, dann protestiert der Knirps entweder (“Jetzt is sie doch so alleine!”) oder geht zu ihr und passt auf. Wenn man zurückkommt, findet man oft den Knirps neben dem Zwuckelchen liegen, sie schaut ihn mit großen Augen an, er streichelt unablässig über den weichen Babykopf. Er sucht ihr Spielzeug aus oder macht sich für sie zum Affen und freut sich dann, wenn das Zwuckelchen glucksend über ihn lacht. Er stellt sie stolz jedem Fremden vor und macht mal wieder Pläne, was er alles mit ihr machen wird, wenn sie größer ist. Sicher, er schiebt ihre Hand auch mal beiseite, wenn sie ihm im Gesicht herumtatschen will, aber selbst dabei ist er meist ganz vorsichtig. (Meist. In den letzten Tagen hat er zwei oder dreimal ausprobiert, wie fest man so einem Baby eigentlich in den Arm zwicken kann, aber noch hat es sie nicht gestört. Ich will mal nichts beschreien.)

Der einzige Haken am Zwuckel ist für den Knirps, dass es auch seinen Papa beansprucht. Und das scheint für ihn ein ziemliches Problem zu sein. Sobald ich das Zwuckelchen an den Mann weitergeben möchte, wird es schwierig. Er weint. Er wütet. Er jammert. Er schreit. Er klammert sich an Arme und Beine. Er argumentiert. “Ich brauche aber beide Papas Arme!”, heißt es dann. Oder “Ich kann aber nicht warten, bis ich wieder zu Papa darf!” Es spielt keine Rolle, ob er die Stunden davor alleine mit seinem Lego verbracht hat oder auf Papas Schoß; sobald das Zwuckelbaby ins Spiel kommt, springt er auf und muss ganz unbedingt jetzt und sofort zum Mann.

Probiert haben wir vieles, geholfen hat wenig. Mehr Zeit mit Papa alleine, mehr Zeit mit Mama alleine, mehr Zeit zusammen mit dem Zwuckelchen, mehr Aufgaben, mehr Ablenkung, mehr Kuscheln, mehr “einfach durchziehen” – die Auswirkungen sind eher bescheiden. Die Eifersuchtsanfälle sind dazu wie jede Kleinkindlaune stark abhängig von Hunger und Müdigkeit. Ein ausgeschlafener und frisch bekochter Knirps verkündet zu unserem Erstaunen schon mal großzügig, dass der Mann mir doch bitte jetzt mal das Zwuckelchen abnehmen solle. Ein müder und hungriger Knirps dagegen kann sich schon bei Ankündigung derselben Situation heulend und schluchzend für zehn Minuten auf dem Fußboden wälzen, ohne uns an ihn heran zu lassen. Wir halten uns also tunlichst an eine der wichtigsten Regeln für dieses Alter: rechtzeitig für Schlafmöglichkeit sorgen und Essen anbieten, alles andere kommt danach.

Am besten klappt noch (wie immer), ihn stark in die Entscheidungen mit einzubeziehen. Also dem Mann nicht das Zwuckelchen in den Arm zu drücken, sondern den Knirps vorzuwarnen, dass ich gerne irgendwann in nächster Zeit duschen möchte, und dann ihn direkt zu fragen, wann das Baby denn zu Papa kann. Meistens schlägt er dann von sich aus vor, dass er nur noch dieses Buch fertig lesen will und dann würden die beiden gemeinsam mit dem Zwuckelbaby spielen. Gelegentlich nutzen wir auch heimlich seine fürsorgliche Ader aus: wenn ich das Zwuckelchen mehr oder weniger kommentarlos ablege und der Mann sie dann zu sich nimmt, sobald sie meckert, dann ist das für den Knirps im Gegensatz zur direkten Übergabe oft gar kein Problem. Und wenn der Mann sie erst mal im Arm hat, dann funktioniert das in den meisten Fällen glücklicherweise auch für längere Zeit, gerne auch stundenlang. Aber all das sind natürlich keine Lösungen mit Erfolgsgarantie.

Die positive Seite der Medaille ist, dass es in meine Richtung überhaupt keine Eifersucht gibt. (Wenn ich ganz schlecht drauf bin, nehme ich das persönlich, nach dem Motto Oh Gott, mein Kind liebt mich nicht!, aber das ist natürlich Unsinn.) Das erleichtert unseren Alltag doch gewaltig. Er wartet, wenn sie stillen will, er bringt mir Dinge und hilft wirklich mit. Sie ist eben einfach immer dabei. Allerhöchstens besteht er mal darauf, dass ich ihm zuerst ein Brot zum Frühstück schmiere und dann zum Wickeln gehe, aber das ist wohl mehr Hunger als Eifersucht. Ich darf, nein, ich soll sie jederzeit zu mir nehmen. Er beschwert sich sogar, wenn sie ausnahmsweise morgens so fest schläft, dass ich sie noch im Bett liegen lassen möchte und mit ihm ganz alleine aufstehen will.

Die Frau Gminggmangg hat dafür eine recht schlüssige Erklärung vorgebracht: dass das Baby mich braucht, weil es stillen muss, steht für den Knirps außer Frage, ganz logisch. Aber wozu, zum Teufel, nimmt es dann auch noch den Papa in Beschlag? So erklärt er das auch selbst, wenn man ihn danach fragt. “Zwuckelchen kann doch zur Mama gehen“, meint er dann. Zusätzlich war der Knirps schon seit dem Abstillen ganz Papakind. Nur Papa soll ins Bett bringen, Papa soll trösten, Papa soll vorlesen. War uns natürlich in der Schwangerschaft ganz recht, weil ich eh wenig konnte. Und jetzt, seit meiner Elternzeit, ist sein heißgeliebter Papa nicht nur drei, sondern fünf Tage pro Woche in der Arbeit. Vorhin hatte er ihn an 3 Tagen rund um die Uhr ganz allein für sich, jetzt sieht er den Mann abends drei Stunden und muss ihn dann auch noch teilen. Da gibt es schon auch tagsüber mal Tränen, weil jetzt sofort der Papa verfügbar sein soll – das ist neu für uns, das gab es in den drei Jahren geteilter Elternzeit sonst nie. Aber wer würde bezweifeln, dass ein neues Geschwisterkind eine wirklich riesige Änderung ist? Und was sind schon vier Monate Zeit für eine Umstellung?

In den letzten zwei Wochen hatten wir eine lange Phase ganz ohne Probleme und nur ein paar Tage mit vereinzelten Tränen, wenn die Zwuckelina beim Papa war. Ich traue mich noch nicht zu sagen, dass es wirklich endgültig besser wird – aber zur Zeit ist es zumindest entspannter. Vermutlich müssen wir die Phase einfach aussitzen, bis der Knirps voll und ganz mit dieser neuen Situation im Reinen ist. Eigentlich wie mit allen Phasen. Sie werden irgendwann miteinander spielen und miteinander streiten. Es wird mal wieder schwieriger sein und dann wieder einfacher. Aber wir zweifeln keine Minute daran, dass es gut so ist. Sie für ihn, er für sie und die beiden für uns. Geschwister eben.

6 Gedanken zu “Bruder sein

  1. Ohne Pfarrfrau gelesen zu haben, kam mir als erstes derselbe Kommentar in den Sinn: Danke fürs Teilen deiner Erfahrung. Es ist spannend und macht mir Hoffnung. Denn es hört sich doch insgesamt positiv an.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Log Out / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Log Out / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Log Out / Ändern )

Verbinde mit %s