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Das Glück auf Reisen

Man hört mich derzeit regelmäßig irgendwo tief aufseufzen.

Ich muss wieder mehr reisen, stelle ich fest. Das Reisen fehlt mir so sehr, tippe ich.

Warum? Weil mich Reisen glücklich machen. Ganz tief drinnen, und rundherum. Ja, aber warum? fragt da die Reisemeisterei.

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Zuerst sollte ich mich wohl um Definitionen kümmern. Das Reisen, von dem ich hier schreibe, ist ein Unterwegssein in der Fremde. Die Fremde kann nah oder fern sein, das ist gar nicht übermäßig wichtig. Es ist auch nicht so sehr wichtig, ob ich 3 Wochen unterwegs bin oder ein halbes Jahr, wobei manches Zeit braucht, um sich zu entfalten und einzuschleifen und daher länger manchmal doch besser ist, aber das ist eine andere Geschichte. Es ist auch nicht sehr wichtig, ob man zu Fuß und mit dem Bus und in Herbergen unterwegs ist oder mit dem Zelt oder mit dem Auto, alles hat seine Vor- und Nachteile. Ich meine damit weniger Urlaubsreisen mit einem einzigen festen Ziel (wobei man auch dort auf gewisse Weise eine Reise leben kann).

Also kurz: Reisen = anderswo unterwegs sein. IMG 1164

Glücklich macht mich auf Reisen, dass ich flexibel bin. Mir gefällt das Wetter hier nicht? Dann ziehe ich morgen weiter. Die Landschaft ist atemberaubend schön? Dann bleibt man eben fünf Tage, zehn Tage, statt nur zu übernachten. Ich kann jeden Tag neu entscheiden, ob mir der Ort gefällt, der Übernachtungsplatz, die Preise, die Nachbarn. Ich muss keinen Plan einhalten und lebe ganz wörtlich in den Tag hinein. Beschränkungen sind höchstens das Wetter, Busfahrpläne, Öffnungszeiten, Krankheiten, Kinderlaunen, aber eigentlich findet sich immer sofort ein Plan B. Gegessen wird, was der jeweilige Ort hergibt, mal frisches Gemüse in Unmengen vom Stand am Wegesrand, mal das Menü in der Stadt, mal Nudeln vom Campingkocher. Man hat fast alles immer bei sich, das vereinfacht Ausflüge und Planänderungen. Es ist hilfreich, sich auch schnell davon frei zu machen, bestimmte Routen unbedingt abzufahren oder bestimmte Sehenswürdigkeiten gesehen haben zu müssen. Alles kann, nichts muss.

Glücklich macht mich, dass das Reisen meinen Kopf frei macht. Der Grund dafür ist wohl ein bißchen all das, was unter dem ersten Punkt steht. Zuhause habe ich Termine, Zeiten, zu denen Dinge erledigt sein wollen. Zuhause kann ich zwar davon Urlaub nehmen, aber dann meinen Nachbarn oder dem Wetter nur in Grenzen entfliehen. Die ToDo-Liste kann ich zwar ignorieren, aber sie steht in Form von unausgepackten Umzugskisten und vollgeräumten Wäscheschubladen und Papierstapeln auf dem Tisch doch immer vor meinen Augen. Das alles verschwindet recht schnell, sobald ich eine Weile unterwegs bin. Und da ich ja die kleinen Unbequemlichkeiten – zu warm, zu kalt, zu langweilig – einfach durch Weiterziehen ändere, kann ich mich auf anderes konzentrieren. Auf Träume. Bücher. Gespräche. Mich. Partner. Die Kinder. Was eben gerade passt. Ich fühle mich unterwegs meist sehr ruhig und ruhend, selbst wenn es rein äußerlich manchmal anstrengend scheint. Womit ich wieder an dem Punkt bin: ich brauche das Reisen.

Kritische Geister meinten übrigens schon mal, das wäre eine Illusion, eine Scheinflucht vor meinen eigenen Problemen. Schließlich müsse ich ja nach der Reise irgendwann wieder zurück zu den Nachbarn, dem Wecker, der ungestrichenen Küche und der Steuererklärung mit dem Papierstapel. Es ist aber so: erstens ist “muss” ein fragliches Wort, wie einem spätestens beim dritten Langzeit-Aussteiger klar wird, den man unterwegs trifft. Ich will (bisher) zurück, weil ich ganz gern ein sicheres Einkommen habe, feste Freunde, ein eingerichtetes Zuhause, ganz zu schweigen von so Kleinlichkeiten wie deutscher Krankenversicherung und – mittlerweile – Kinderbetreuung. Zweitens ist es keine Flucht, ebensowenig wie der Feierabend eine Flucht vor dem Arbeitstag ist. Es ist eine ganz bewusste Auszeit, ein Abschnitt zum Auftanken, der mir gut tut. Das aber nur am Rande.

IMG 1343Glücklich macht mich die viele Natur auf Reisen. Beim Camping oder Wandern ist das gewissermaßen per Definition inbegriffen, morgens riecht es nach Gras und Tau, abends riecht es nach Sonnenuntergang, man riecht das Wetter und sieht die Sterne. Aber auch, wenn ich nicht draußen übernachte, bin ich wesentlich mehr im Freien. Zuhause hat man drinnen Platz und unendliche Beschäftigungsmöglichkeiten (oder auch Beschäftigungsnotwendigkeiten), die unterwegs weg fallen. Bei 10qm Herbergszimmer flüchtet man zwangsläufig irgendwann. Und von den unbekannten Landschaften und Orten, die man neugierig erkunden will, habe ich noch nicht mal angefangen. Frische Luft tut mir gut, frische Luft macht mich morgens wach und abends müde und macht meine Lungen frei. Außerdem entspannt mich weites Grün und bewegtes Wasser und starker Wind, und zumindest die zwei letzteren sind an vielen Orten häufiger als hier in Bayern.

Glücklich macht mich, dass Reisen verbindet. Zuhause hat man sich gemütlich eingerichtet, vielleicht mit Freunden, Nachbarn, Familie. Manche treffen auch in der Heimat regelmäßig ganze Horden neuer Leute; ich gehöre eher zu den Menschen mit kleinem Freundeskreis und kuschligem Sofa, und das ist auch in Ordnung so. Unterwegs ist das jedoch alles anders. Unterwegs hat man Fremde in der Herberge mit am Frühstückstisch oder im Bad, die Nachbarn stehen auf dem Campingplatz ohne Sichtschutz nur drei Meter weiter, und Kinder spielen sowieso nach zehn Minuten über jede Sprachgrenze hinweg. Man kennt sich nicht aus und ist auf die kleinen Tips angewiesen, die Einheimische und Erfahrene fast immer gerne weitergeben. Der Kontakt zu anderen wird notwendiger, aber auch viel einfacher und unmittelbarer. Ich brauche jedesmal einige Tage, bis ich mich da hineingefunden habe; dann stelle ich zu meinem Erstaunen fest, dass mein Selbstbewusstsein täglich steigt, dass ich viel problemloser Leute anspreche und Geschichten erzähle. Sogar in holprigen Fremdsprachen. Ich habe diesen Effekt noch nicht komplett durchschaut, aber er tut gut. Und manchmal trifft man Freunde, die man Jahre und Jahrzehnte behält.

Glücklich macht mich, dass das Reisen relativiert. Nicht alles, aber doch vieles. Fast zwangsläufig ist man zum Beispiel mit wenigen Dingen unterwegs; im Wohnmobil noch mit mehr als beim Rucksack, aber immer deutlichIMG 0041 eingeschränkt gegenüber dem normalen Wohnalltag. Weniger Unterhaltung, weniger Kleidung, weniger Kochutensilien, weniger Werkzeug. Man lernt recht schnell, welche dieser wenigen Dinge man auch noch hätte daheim lassen können, weil sie einfach nicht wichtig sind. Und man lernt am allerschnellsten, was man wirklich braucht, um sich wohlzufühlen. Die “Konzentration aufs Wesentliche” klingt nach platter Weisheit, trifft es aber doch erstaunlich gut. Reisen relativiert auch die “kleinen Aufreger”. Schlechtes Wetter beispielsweise. Natürlich sind fünf Tage Dauerregen sehr unangenehm, beim Zelten etwa ganz unmittelbar unangenehm. Aber was hilft’s? Am Ende macht man es sich doch mit Schlafsack und Kerze und gutem Käse (seit Kindern: zusätzlich mit Schaufeln und Matschsachen) am Zelteingang gemütlich, bleibt zwei Tage länger, damit der Schlamm trocknen kann, und macht irgendwie das beste draus. Oder man fährt weiter. Oder man lacht mit den gerade kennengelernten Nachbarn. Und letztendlich lernt man unterwegs gelegentlich, die kleinen Dinge zu schätzen. Weiches Toilettenpapier. Trockene Füße. Warmes Wasser zum Waschen. Trinkwasser in unbegrenzter Menge.

IMG 1103Glücklich macht mich, dass Reisen mich aus meiner Filterblase holt. Natürlich wissen wir alle, dass man anderswo anders lebt und die Welt anders aussieht als vor der Haustür. Es selbst zu erleben ist aber nochmal eine ganz andere Kategorie. Das gilt für Dinge, die man daheim einfach nicht erleben kann – einmal vor dem Grand Canyon oder auf der endlosen Atacama-Hochebene stehen – aber auch für unzählige Kleinigkeiten, an die man noch nie gedacht hat, weil es einfach bislang keinen Anlaß gab, darüber nachzudenken. Beispielsweise die freundlichen Aufforderungen in Südamerika und China, das Toilettenpapier in die Mülleimer statt die Schüssel zu werfen. Man staunt, und dann denkt man darüber nach, wie unselbstverständlich ein Abwassersystem offenbar ist, das große Mengen Papier verträgt. Oder: andere Länder und der ganz andere Umgang mit Kindern. Mit Essen. Mit Geld. Mit Zeit. Mit Familie. Andere Prioritäten, andere Sitten. Man sieht Klischees in Grundzügen bestätigt und doch komplett widerlegt. Man sieht das, was man zuhause gedankenlos hingenommen hat, ob Gutes oder Schlechtes, manchmal in überraschend neuem Licht. Das wirkt nach, und oft dauerhaft.

Glücklich macht mich, neues zu sehen. Das gilt nicht nur auf Reisen. Aber wo hat man in so kurzer Zeit so viel Möglichkeit, neues zu erleben? Neue Menschen, neue Landschaften, neue Sprachen, neues Essen, neue Farben, neue Pflanzen, im Grunde ist unterwegs jeden Tag alles neu. Ein Feuerwerk von Eindrücken. Ich sauge sie auf wie ein Schwamm und zehre davon buchstäblich Jahrzehnte. Warum es immer neues sein muss, wo doch auch der eigene Garten und die eigene Stadt daheim schön sind? Ja, warum lesen wir immer neue Bücher, wenn doch das erste Buch damals schon ganz gut war? Entdecken und Lernen macht mich glücklich.

Das alles ist mein Glück auf Reisen. Das und tausend kleine und große Dinge, die ich jetzt vergessen habe oder hier keinen Platz mehr haben oder für die ich schlecht Worte finde. Aber das Glück, das ist keine Frage.

Ich muss wieder weg. Bald.

2013-Rückblick-Stöckchen

Ja, ich hab das ganze Jahr und länger so gut wie nicht gebloggt.

Ja, mir ist trotzdem nach meinem Rückblickstöckchen.

1. Ganz grob auf einer Skala von 1 bis 10: Wie war Dein Jahr?
4.

2. Zugenommen oder abgenommen?
weder noch.

3. Haare länger oder kürzer?
Vielleicht ein bisschen länger, aber kaum merkbar.

4. Kurzsichtiger oder weitsichtiger?
Kurzsichtiger, weil immer noch nicht beim Augenarzt, und auch sonst irgendwie.

5. Mehr Kohle oder weniger?
Verdient – mehr. Endlich die Gehaltserhöhung bekommen, die gefühlt schon lange fällig war.

6. Besseren Job oder schlechteren?
Denselben und trotzdem einen besseren, weil zunehmend mehr Erfahrung, mehr Erfolge, mehr Verantwortung.

7. Mehr ausgegeben oder weniger?
Viel gespart und gerechnet und trotzdem viel mehr. Zwei Wohnungen hauen rein.

8. Dieses Jahr etwas gewonnen und wenn, was?
Einen Kindergartenplatz für Zwuckel 2014. Ein Päckchen mit Duschgel, Wasserball, Schlüsselanhänger.

9. Mehr bewegt oder weniger?
Hm. Etwas mehr. Mehr mit den Kindern draußen gewesen, mehr zu Fuß gegangen, Fahrrad gekauft.

10. Anzahl der Erkrankungen dieses Jahr?
Wenige. Bei den Kindern fast keine.

11. Davon war für Dich die Schlimmste?
Der November. 4 Wochen krank, zwei davon krankgeschrieben und fix und fertig, Eitrige Nebenhöhlen, Würmer, Bronchitis, Rückenschmerzen, alles was man so in einen Monat reinkriegt.

12. Der hirnrissigste Plan?
Aus Unentschiedenheit und ähnlichem das ganze Jahr keinen Urlaub zu nehmen.

13. Die gefährlichste Unternehmung?
Alleine leben mit Kindern.

14. Die teuerste Anschaffung?
Neuer PC. Und die zweite Wohnung.

15. Das leckerste Essen?
Weihnachtsessen im Job war fein. Ansonsten schwärmte ich dieses Jahr sehr für einfache Perfektionen wie “warmes, frisches Butterbrot”.

16. Das beeindruckendste Buch?
Mein Leben ohne Gestern, Lisa Genoveva. Keine hohe Literatur, aber eindrücklicher Roman zum Thema Alzheimer.

17. Der ergreifendste Film?
keiner. Wenn Filme, dann nur Unterhaltung, aber nichts ergreifendes.

18. Die beste CD?
The essential Simon and Garfunkel. Zweifellos nicht aus diesem Jahr, aber ich habe sie jetzt gekauft und oft gehört.

19. Das schönste Konzert?
keins. 

20. Die meiste Zeit verbracht mit?
Zwuckel.

21. Die schönste Zeit verbracht mit?
der ganzen Familie. oder im Februar mit der weltbesten Freundin.

22. Zum ersten Mal getan?
Mit Kindern alleine gelebt, ein Kind ohne uns in den Kindergartenurlaub verabschiedet.

23. Nach langer Zeit wieder getan?
Geflogen, eine Nacht ohne Kinder im Hotel verbracht, Klezmer gespielt, die weltbeste Freundin getroffen, gehäkelt.

24. Dinge, auf die ich gut hätte verzichten mögen?
Die Trennung. Die Depression, die ihr vorausging. Die anstrengende Zeit alleine, die folgte.

25. Die wichtigste Sache, von der ich jemanden überzeugen wollte?
Dass man an Dingen arbeiten kann, dass wir das können, dass es sich lohnt, dass Depression eine Krankheit ist.

26. Das schönste Geschenk, das ich jemandem gemacht habe?
Viele kleine. Ich habe dieses Jahr wieder mehr geschenkt, selbstgebasteltes und gekauftes, und offenbar viele Volltreffer gelandet. Macht mich glücklich.

27. Das schönste Geschenk, das mir jemand gemacht hat?
Ein Herz aus Gips, das uns der Knirps vor seinem Kinderurlaub bastelte, damit wir nicht zu traurig sind, wenn er weg ist.

28. Der schönste Satz, den jemand zu mir gesagt hat?
Wohl ein Kindersatz.

29. Der schönste Satz, den ich zu jemandem gesagt habe?
“Du fragtest nach Perspektiven.”

30. Dein Wort des Jahres?

31. Dein Unwort des Jahres?
Allein.

32. Dein Lieblingsblog des Jahres?
Kaum noch Blogs gelesen. Dennoch: http://www.documentingdelight.com/

33. 2013 war mit einem Wort:
anstrengend.

34. Zum Vergleich: Verlinke Dein Stöckchem vom vorigen Jahr!
Bitte schön: 201120102009 und 2008 . Ich kann kaum fassen, dass ich 2012 wirklich ausgelassen habe. Tza. 

Guten Rutsch!

Tagebuchbloggen. Sonntag.

Nun habe ich euch drei Tage vernachlässigt. Aber keine Sorge, mein Leben war in der Zeit nicht besonders interessant.

Und heute? Auch nichts großartiges, aber zum Abschluß der Tagebuchblogwoche lasse ich euch noch mal mit reinschauen. Bin allerdings diesmal schon so müde, dass ich garantiert die Hälfte des Tagesgeschehens vergesse…

Die Kinder sind gegen 7 wach, wie fast immer. Noch mit halbgeschlossenen Augen ist die erste Frage aus Knirpsrichtung: “Heute frühstücken wir im Restaurant, oder?” Ja, genau, heute ist auswärts essen geplant, ein gemütlicher Brunch. Das gehört keineswegs zum normalen Sonntagsalltag hier, macht aber natürlich trotzdem Spaß und fand schon viel zu lange nicht statt. Unser Fehler war aber, von einem “Frühstück” zu sprechen, denn jetzt wurden wir selbstverständlich zwei Stunden lang belagert: “Wann gehen wir los? Warum können wir nicht jetzt los gehen? Aber wir wollten doch nicht zuhause frühstücken? Warum haben die jetzt noch nicht auf? Wann ist 10 Uhr? Gehen wir jetzt endlich?” etc. pp., und ebenso selbstverständlich war der Knirps dann, als wir wirklich losgehen wollten, gar nicht in Gehlaune, sondern trödelte wieder munter vor sich hin. Aber gut.

Wir haben sogar zu viert den richtigen Bus erwischt. Nach 15 Jahren in dieser Stadt (hui!) kommt es mir ganz normal vor, für Freizeitaktivitäten mal eben 50 min mit öffentlichen Verkehrsmitteln durch die Stadt zu fahren; früher, daheim, auf dem Land, hätte ich da höchstens den Vogel gezeigt.

Das Brunchbuffet war beeindruckend. Schon alleine von der Auswahl her, aber auch die einzelnen Komponenten machten einem Gerne-Esser wie mir große Freude. Endlich mal nicht nur Schinken, Tomate-Mozzarella und ein paar Kuchen – statt dessen oder besser zusätzlich Caesars Salad, Spargel, Roastbeef, Carpaccio, Suppen, Garnelensalat, Couscous, ach, so viele leckere Sachen! Ganz mein Ding. Nicht, weil ich unbedingt viel essen möchte, sondern weil ich mich endlich einmal nicht entscheiden muss. Der Knirps, der ja sonst gerne auch Sushi und Curry und Räucherlachs und überhaupt fast alles isst, war entweder von der Auswahl überfordert oder entwickelt sich langsam in Richtung klassischer Kindervorlieben. Jedenfalls ging er an all diesen Leckereien recht unbeeindruckt vorbei und aß ganz langweilig einen Joghurt, einen Obstsalat, etwas Rührei, viel trockenen Reis, etwas Fisch, eine Stange Spargel und eine Apfeltasche. Aber gut, meinetwegen darf er auch langweilig satt werden, wenn’s schmeckt.

Fast noch luxuriöser als das Essen selbst: die alleinige Tatsache, dass ein gut ausgestattetes Kinderspieleck existiert. Anders wären 4h Brunch mit zwei kleinen Kindern wohl auch kaum machbar. Unsere Aufstehfrequenz wurde nochmal deutlich gesenkt, als direkt am Spieleck ein Tisch frei wurde und wir kurzerhand um einen Umzug baten. Zwuckel schlief zwischendrin eine Runde in der Manduca, der Knirps war bis auf einen kleinen Kindersesselstreit recht entspannt – alles in allem wirklich toll. Aus dem Rahmen fiel höchstens der Keyboarder der Live-Jazz-Band, der rein vom Aussehen so gar nicht zur Musikrichtung passte in ganz schwarz mit schwarz gefärbten Haaren und vor allem aber mit Nietenjeans, die einen ausufernden Blick auf seinen schwarzen Stringtanga und noch mehr freigab. Auf der Bühne über dem Buffet schwebend, übrigens. Ich habe heute leider kein Foto für euch, aber vermutlich hätte es diesen Artikel entscheidend aufgewertet.

Nachdem alle satt waren und der Lautstärkepegel doch langsam seine nervenzehrende Wirkung auf die Kinder zeigte, verließen wir das Restaurant und überfielen den nächsten Spielplatz. Sonne, austoben, gar nichts tun. Schon wieder perfekt. Zwuckel interessierte sich bis auf eine Wippe recht wenig für die Spielgeräte, denn wer braucht schon Spielsachen, wenn es Stöcke gibt. Ganz viele Stöcke. Und während der Knirps uns ständig im Auge hat, immer wieder bettelt, wir sollten doch mit zum Klettergerüst oder zur Schaukel kommen, marschiert Zwuckel einfach davon, ohne sich einmal umzusehen, versucht gerne auch mal, mit einer Gruppe 8jähriger Fußball zu spielen oder diskutiert mit Kindergartenmädchen, ohne ein Wort wirklich sprechen zu können. Und sammelt noch mehr Stöcke.

Gegen 16 Uhr beenden wir diesen wirklich wunderbaren Tag da draußen langsam. Die Kinder werden müde, wir auch, und wir haben ja noch die übliche Stunde Heimweg vor uns. Natürlich verpassen wir den Bus, der sonntags sowieso seltener fährt. Zum Ausgleich werden wir Zeugen eines Auftritts der Zivilstreife, Drogenfahndung oder sowas, jedenfalls Blaulicht (“Dadü! Dadü!”) und Zivilpolizisten, die Männer und Autos durchsuchen. Zweifellos sehr spannend für einen Vierjährigen. (“sind das Diebe? Nehmen sie die jetzt mit? was suchen die jetzt im Auto? was haben die da im Auto gefunden? warum müssen die da so stehen? bestimmt sind das Diebe, oder, Papa, und die müssen jetzt ins Gefängnis! Doch, das glaube ich schon. Warum haben die nur so ein kleines Blaulicht und gar kein Polizeiauto? Warum haben die normale Kleider an? Warum fahren die nur hinterher? Kommen die auch, wenn echte Diebe da sind?” etc. pp.) Wir besorgen unterwegs mal wieder zwei Brezen für hungrige Kinder, ertragen diverse Zwuckelkreischanfälle im Bus aus unbekannten Gründen, haben beim Aussteigen aus dem Bus einen Vierjährigen, der jammert, weil er nicht getragen wird und eine Einjährige, die kreischt, weil sie kurzzeitig getragen wird und sind irgendwann endlich zuhause.

Überhaupt, Zwuckelkreischanfälle: darin und im Nein sagen war sie heute einsame Spitze. Ich würde vermuten, ich habe von ihr heute mehr “Nnnnnnein!” gehört als vom Knirps in den ersten beiden Jahren. “So, jetzt gehen wir los.” – “Nein!” – An der Straße musst Du mir die Hand geben. “Nein!” “Mütze aufsetzen?” – “Nein!” “Das ist unsere UBahn, jetzt steigen wir ein.” -“Neinnn!” “Noch was essen? Tomate? Brot? Ei? ….” – “Nnnnnnein!” “Kuchen?”- “Nein! *pause* Jaaaaaa!” (war dann aber doch nein.) Sie hat meinen Kopf, denke ich.

Daheim beschließen wir, dass eigentlich alle mehr oder weniger satt sind und erklären die Brezen und etwas Brot zum Abendessen. Der Knirps ist kurzzeitig empört, weil für ihn kaltes Abendessen kein Abendessen sei, lässt sich aber mit Essiggurken besänftigen. Dann lässt er sich mit mehr oder weniger Aufwand und Trödelei und Streiterei (heute mal wieder eher mehr) für’s Bett fertig machen, zieht immerhin den Schlafanzug richtig schnell an, denn der ist neu und einteilig (der Neid auf das Schwesterchen und ihre Garderobe machte sowas nötig). Zwuckel dagegen lässt sich zwar ebenfalls umziehen, ist aber noch hellwach und beschäftigt sich bis kurz vor 9 selbst, während ich hier am PC sitze und der Mann irgendwo wurschtelt. Wir suchen noch die seit gestern schwer vermisste Zwuckelpuppe in und unter allen Möbeln suchen. Sie kommt nur ab und zu vorbei, um uns Playmobilmännchen vorzuführen oder stolz in Knirpsschuhen, Schlafanzug und Mütze durchs Wohnzimmer zu stiefeln. Irgendwann kommt auch sie von sich aus zum schlafen zu mir, schläft entsprechend sofort ein, und wir sitzen wie meistens hier im Wohnzimmer, einer hier, einer da, lesen ein wenig, reden ein wenig, naschen ein wenig (ich), schnarchen (Schnupfenzwuckel), und so weiter.

Sonntag vorbei. Danke an alle, die diese Tage mit-gelesen haben – mal sehen, wie es hier weitergeht.

Tagebuchbloggen. Mittwoch.

Heute gibt es etwas Abwechslung, denn Mittwoch ist mein erster Arbeitstag, dafür ist der Mann zuhause.

Das bedeutet, dass wir alle gemeinsam um 6:45 aufstehen. Oder besser: aufstehen sollten. Während die Männer schon auf sind, wälze ich mich mal wieder mit Snoozetaste im Bett, und auch Zwuckel meint auf meine Ankündigung, ich würde heute arbeiten gehen, nur: “Nein. Mama chhhrrrpschh-chhhrrpschh“, und zieht uns beiden dabei demonstrativ die Decke bis zur Nasenspitze. Sorry, Zwuckel, daraus wird nichts.

Wir frühstücken an diesen Tagen alle gemeinsam, nur dass jetzt der Mann für alle Kinderbelange zuständig ist. Ich darf also in ruhe essen, duschen, meine Sachen richten. Wie meistens setze ich mich anschließend noch kurz an den PC für eine kleine Internetrunde. Zwar komme ich dadurch noch später los, aber es hat sich als sinnvoll erwiesen, um im Büro einen Grund weniger für morgendliche Ablenkung zu haben. Ich bestelle endlich den Akku-Bohrhammer, um den ich schon seit Wochen herumschleiche und bin 20 nach 8 endlich fertig zum gehen.

Der Mann wird heute den kleinen Wocheneinkauf übernehmen und bringt den Knirps deshalb mit dem Auto zum Kindergarten, so dass die drei mich noch schnell mit zur U-Bahn nehmen können. Ich besitze zwar mindestens drei mobile Geräte, die mir unterwegs zur Unterhaltung dienen könnten (Smartphone, Tablet, ebook-Reader), aber ich schaffe es, kein einziges davon aufgeladen zu haben. Also muss ich die knapp 25 min U-Bahn-Fahrt zwangsläufig damit verbringen, Mitfahrer zu beobachten, Löcher in die Luft zu starren und vor mich hin zu träumen. Zugegeben, manchmal nicht die schlechteste Beschäftigung.

Gegen 9 bin ich also im Büro. Vielleicht auch kurz danach, das ist bei uns glücklicherweise nicht ganz so wichtig. Ich schalte den PC ein, öffne das Fenster zum durchlüften und gehe dann erstmal Kaffee holen und einen Teil des Teams begrüßen. Bis ich zurück bin, ist selbst meine Krücke von Computer arbeitsbereit.

An dieser Stelle werde ich etwas ungenauer, auch wenn das die Frau Brüllen mit der expliziten Arbeitsalltagsneugier enttäuschen mag. Sorry! Zum einen darf ich einiges nicht erzählen, anderes behalte ich für mich, um weiter so hübsch anonym zu bleiben. 

Meine Arbeit besteht für die nächsten Stunden vor allem darin, am PC zu sitzen, Dinge zu lesen, nachzudenken und Dinge zu schreiben. Ich habe mein eigenes kleines, nettes Büro mit eigener Tür und ein paar Grünpflanzen, die überraschenderweise immer noch leben. Mit meinen Kollegen treffe ich mich hauptsächlich zum Mittagessen. Manchmal auch, wenn einer von uns eine Frage hat oder ein Problem diskutieren will oder sich einfach mal für fünf Minuten die Füße vertreten möchte.  Aber insgesamt sind wir Einzelkämpfer, jeder sein Ding, alles recht ruhig und von außen vermutlich langweilig. Zunächst sieht es heute nach einer entspannten Woche aus, dann sehe ich doch noch den neuesten Auftrag, der die Lage sofort in Richtung “machbar, aber stressig” verändert.

Als die drei Kollegen zum Mittagessen rufen, bin ich gerade endlich mal halbwegs konzentriert und sage deshalb solange “komme gleich”, bis die anderen fertig sind. Mist. Das passiert mir selten, über so ein bisschen zwischenmenschliche Ansprache am Tag bin ich doch froh – auch wenn die immer gleichen Themen gelegentlich was von Kaugummi haben. Zäh. Ich mache mir also schnell alleine meine Convenience-Käsespätzle in der Pfanne heiß. Kein optimales Essen, aber leider sitzen wir essenstechnisch etwas auf dem Trockenen. Keine Kantine, kaum Restaurants, kein Supermarkt, vereinzelte Imbisslokale. Ich bin kein großer Freund belegter Brote, und der Plan, mir Salat oder ähnliches von zuhause mitzubringen, scheitert oft an Zeit und Aufwand. Eine meiner Planbaustellen für dieses Jahr: besser essen im Büro. Irgendwann bald.

Dann weiter wie vormittags: lesen, nachdenken, schreiben. Irgendwann kommt ein Anruf von meinem Chef, dringende Sache, wichtige Sache. Ich werde ein wenig schultergeklopft, “Sie sind meine beste Allzweckwaffe für diesen Fall” – was mir durchaus zusagt, keine Frage. Am Ende bedeutet es aber dennoch, dass noch mehr Arbeit in die Woche gepresst wird. In diesem Fall: Fehler ausbaden, die andere gemacht haben, retten, was zu retten ist, und das innerhalb von 36 Stunden. Der Countdown läuft. Mein Kopf läuft leider nicht. Der blockiert mal wieder, wie so oft, gerade unter Stress. Beruhigend ist da höchstens, dass ich weiß, dass irgendwann der Knoten in meinem Hirn aufgeht und ich in rasender Geschwindigkeit jede Menge geschafft kriegen werde. Fragt sich nur, wann das passiert. Jedesmal dasselbe. Mein persönlicher kleiner Nervenkitzel.

Als ich schließlich kurz nach halb 7 aus dem Büro gehe, schneit es, und ich bin eher unzufrieden mit meiner heutigen Leistung. Aber was nutzt das Jammern. Morgen muss es besser gehen, morgen muss irgendetwas passieren. Heute hat das alles keinen Sinn mehr, sonst wäre ich eventuell länger geblieben. Auf dem Heimweg drängen sich am Marienplatz jede Menge schalgeschmückte Fußballfans in die Bahn. Der gegnerische Verein scheint aber von der harmlosen Sorte zu sein, es ist zwar gedrängelt voll, aber sonst ruhig, fast freundlich. Da habe ich schon andere Fußballfahrten erlebt. Immer wieder mittwochs. Die kleine Herausforderung des Abends ist dann jedesmal, sich ausgerechnet eine Station vor dem Stadion aus der Bahn zu kämpfen. Ich lasse den Bus stehen und gehe das letzte Stück zu Fuß, noch den Kopf ein wenig freipusten lassen. Unterwegs läuten Glocken, und Twitter bestätigt, es gibt einen neuen Papst.

An der Wohnungstür empfangen mich fröhliche Kinder, fertig abgefüttert und schon in Schlafanzüge verpackt. Zwuckel will sofort und auf der Stelle stillen und ist reichlich wütend, dass ich mich erst noch für dreißig Sekunden ins Bad wage. Der Knirps spielt, Zwuckel stillt, ich esse. Der Mann hat Gemüsebratlinge mit Joghurtsauce gemacht. Lecker. Ausnahmsweise schalte ich noch schnell den Livestream in den Vatikan ein, historisches Ereignis und sowas, auch wenn ich mich derzeit nicht als gläubig bezeichnen würde. Der Knirps schaut sich interessiert den Aufmarsch der Schweizer Garde an (“ist das auch Fasnet?”), will dann aber schlafen gehen, so dass ich mir für morgen noch überlegen kann, wie man ihm das Konzept Kirche und Papst verständlich erklären kann. Zwuckel schläft schon in meinem Arm ein. Der Mann kommt auch ziemlich schnell von der Einschlafbegleitung zurück, offensichtlich waren beide recht müde. Ich lese ein wenig zum neugewählten Franziskus, der Mann hat einen freien Abend und geht aus. Gegen halb 10 kann ich Armschlafzwuckel unglaublicherweise mit etwas Geduld und Spucke Deckenrollen ins Bett ablegen. Ich esse die restlichen Bratlinge, räume die Spülmaschine ein und schreibe diesen Artikel fertig. Mittwoch vorbei.

Ein Wunder, ein Wunder!

Die gute Nachricht:

Wir haben ab September/Oktober einen Kindergartenplatz. Einen städtischen. Einen von denen, den sowohl wir als auch die entsprechenden Kindergärten als unwahrscheinlich bis unmöglich bezeichneten, weil wir doch so undringend sind. Kleiner Lottogewinn. Wunder. Ich bin recht grinsend vom Briefkasten zurück getanzt.

Aber: es bleibt ein komisches Gefühl. Die Sache war nämlich, dass in genau diesem städtischen Kindergarten (einer von vielen, bei denen wir angemeldet waren) speziell nach Freunden gefragt wurde, die eventuell den gleichen Kindergarten bevorzugen würden. Offiziell spielt das alles natürlich keine Rolle für die Vergabe, unter der Hand wird da wohl ein wenig gemauschelt.

Entgegen aller mahnenden Stimmen wächst der Knirps auch ohne Betreuung bisher nicht isoliert auf, sondern hat einige kleine Spielplatz- und Nachbarschaftsfreunde. Einer davon musste – beschissene Welt, anders lässt sich das nicht sagen – vor kurzem sein kleines Geschwisterchen zu Grabe tragen. Dieses Kind hat nun in diesem Kindergarten einen Platz mit gewissem Sonderstatus, soweit wir wissen. Ich werde den Gedanken nicht los, dass wir den Platz nun nur aufgrund unserer Bekanntschaften haben. Vor allem, weil wir eben wirklich keinen Betreuungsbedarf in diesem Sinne haben, während andere Familien im Umfeld, wo eigentlich beide wieder arbeiten müssen, munter Absagen für ihre Vierjährigen kassieren.

Dazu passt, dass wir nun seltsamerweise einen Ganztagsplatz bekommen haben, den wir eigentlich gar nicht wollten. Solange einer von uns immer mit dem Zwuckelchen zuhause ist, sehe ich keinen Grund, den Knirps bis kurz vor Abendessen auswärts zu betreuuen lassen; wir hätten nichts gegen freie Nachmittage mit den Kindern und wollten entweder die Vormittags- oder die Über-Mittag-Gruppe bis etwa 14 Uhr. Die Freunde allerdings sind eben in der Ganztagsgruppe.

Gut. Wir warten erst mal ab, denn der Traum wäre immer noch ein Platz in der Wunsch-Elterninitiative. Weil deren Konzept und der Umgang mit den Kindern uns näher ist. Weil wir uns dort unheimlich wohlgefühlt haben. Weil da auf etwa gleicher Haus- und Gartenfläche 16 Kinder von 3 Erwachsenen betreut werden und im städtischen Kindergarten 75 Kinder von 6 Erwachsenen. Weil wir keinen Ganztagsplatz wollten. Weil uns die Idee mit der Elterninitiative, Aufwand hin oder her, immer besser gefällt. Da müssen wir uns aber noch einige Wochen gedulden, denn die Entscheidung wurde wegen des großen Andrangs verschoben.

Aber ich will nicht undankbar sein. Es ist eine riesige Erleichterung, dass der Knirps auf jeden Fall einen Kindergartenplatz hat und auf keinen Fall zuhause bleiben muss, bis er fast fünf wäre. Und der Kindergarten ist ganz bestimmt nicht die schlechteste Wahl; unter den städtischen war das unser Favorit. Liegt mehr oder weniger hinterm Haus, hat wirklich schöne Räume, und die Leiterin war uns auf Anhieb recht sympathisch. Und so teuer die Krippenplätze und die privaten Einrichtungen auch sind – durch unsere Teilzeitstellen mit reduziertem Einkommen wäre dieser Platz sogar richtig billig.

Nein, das wäre alles absolut kein Weltuntergang, und da sind schon einige Steine von meinem Herzen gepurzelt heute vormittag. Damit hatte ja keiner gerechnet. Die Daumen für den Wunschplatz dürft ihr trotzdem noch ein bisschen gedrückt halten. Für den ganz großen Lottogewinn.