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Kindergartenwahnsinn

Der Knirps ist 3 Jahre und 25 Tage alt.

Mittlerweile ist der Knirps 3 und soll irgendwann in diesem Jahr einen Kindergarten besuchen. Grundsätzlich hatten wir auch mal den vergangenen Herbst als Startzeitpunkt im Auge, doch das verwarfen wir spätestens, als die Zwuckelina sich angekündigt hatte. Eingewöhnung und Geschwisterchen wären dann in den gleichen Monat gefallen, was uns doch ziemlich ungünstig bis unmöglich schien. Ganz abgesehen von ein paar anderen praktischen Problemchen, aber dazu später.

Nun könnte man meinen, das sei alles ganz einfach. Kind anmelden, Bescheid kriegen, hingehen. Noch dazu, wo wir hier sage und schreibe fünf Kindergärten in Kleinkind-Geh-Reichweite haben. Vier davon sind erreichbar, ohne eine Straße zu überqueren. Traumhaft? Nicht so schnell.

Wir leben nämlich in einer Stadt, in der laut offizieller Statistiken zumindest in einigen Vierteln genug Kindergartenplätze vorhanden sein sollen, in der Realität aber diese Plätze begehrter sind als ein mittelgroßer Lottogewinn. Fragt nicht, wie das sein kann. Vermutlich braucht man dazu die höheren Weihen des Beamtendienstes und eine ordentliche Portion Schönrechnerei. Unser Stadtviertel beispielsweise hat auf dem Papier eine Abdeckung von 90% für über Dreijährige, (die Stadt behauptet, die übrigen 10% wollen gar nicht in den Kindergarten), aber so genau weiß das keiner. Im Nachbarviertel liegt die Abdeckung unter 70%, so dass schon jedes dritte Kind keinen Kindergartenplatz mit drei Jahren bekommt. Wenig hilfreich ist wohl auch, dass gleich nebenan vor zwei Jahren ein nettes Neubauviertel enstand, Zielgruppe junge Familien, mit Reihenhäusern und Spielplätzen und Familienrabatt, nur die Kindergärten dort, ja, die sind immer noch nicht fertig. Kannjamalpassieren.

Hier sieht das also so aus: man meldet sich bewirbt sich bei etwa einem Dutzend Kindergärten, erhält dann mit Glück ein bis zwei Zusagen, mit Pech gar keine und kommt auf die Warteliste, deren Einträge überraschend im September mitgeteilt bekommen, dass sie nun ab übermorgen doch einen Platz haben. Oder nicht. Von Freunden weiß ich, dass der Wahnsinn sofort ein Ende hat, sobald man das Stadtgebiet verlässt. In den Vororten kann man sich angeblich manchmal sogar aussuchen, welchen Kindergarten man denn gerne hätte. Aber da wohnen wir nicht.

(Wir sollen den Platz doch einklagen? Rechtsanspruch und sowas? Gute Idee. Es wird wohl auch schon auf Androhung solcher Schritte reagiert, nur gibt es keinen Rechtsanspruch auf einen Kindergartenplatz in der Nähe. Und bevor wir, wie es schon anderen Eltern in diesem Fall passiert sein soll, jeden Tag 3 Stunden Fahrzeit investieren, um einen mittelprächtigen Kindergarten exakt am anderen Ende der Stadt zu bekommen, in dem unser Kind mit dem Stempel “unbequeme Rechthaber” versehen ist, warten wir lieber auf Restplätze anderswo.)

Im vergangenen Frühjahr haben wir uns diverse Kindergärten am Tag der offenen Tür angesehen. Die ersten Kandidaten flogen gleich da aus dem Rennen. Ein Kindergarten, der bei den befreundeten Eltern im Viertel einen gar nicht so schlechten Ruf hat – solange man die eine Gruppe erwischt. Wer allerdings in die zweite Gruppe kommt und damit eine bestimmte Erzieherin vor sich hat, gibt wohl spätestens nach einem Jahr auf. Wir kennen keinen, der dort freiwillig geblieben ist; man erzählt von archaischen Bestrafungen und anderen Unschönheiten. Dann war da noch der Kindergarten, der uns ebenfalls ganz gut gefiel, bis die Erzieherin am Tag der offenen Tür so richtig offen aus dem Nähkästchen plauderte. Konzept? Ach, das kann man mit 25 Kindern in der Gruppe doch eh nicht durchziehen, das schreiben wir nur so hin. Und diese Eltern da neulich, wissen Sie, haha, die wollten von uns dies und jenes wissen, die haben wir dann einfach angelogen, das war uns zu blöd, können doch nicht bei all den Kindern den Überblick behalten. Machen wir immer so. Dann sind die Eltern beruhigt, verstehen Sie? Denen erzählen wir einfach, das Kind hätte was gegessen, ist doch eigentlich egal, etc.pp.. Und schwupp, rutschte dieser Kindergarten auf die “nur wenn’s nicht anders geht”-Liste. Eine Einordnung, die uns mittlerweile von Eltern bestätigt wurde, deren Kinder dort sind.

Die übrigen entsprachen zwar nicht meiner Traumvorstellung, aber da kann man sich eventuell mal bewerben und sehen, wie das alles im Alltag funktioniert. Vier Bewerbungen also in städtischen Einrichtungen. Unsere Chancen, dort genommen zu werden, sind aber minimal. Es gibt nämlich das Konzept der Dringlichkeitsstufen. Ganz dringlich sind Kinder, bei denen das Jugendamt der Ansicht ist, das Kind sollte eher ein paar Stunden weniger zuhause verbringen. Logisch. Dringlich sind auch Kinder von alleinerziehenden Elternteilen. Außerdem sind Kinder dringlich, die Sprachförderung benötigen, weil sie bisher keinen Kontakt mit der hiesigen Landessprache hatten. Und Kinder, bei denen beide Elternteile arbeiten und daher während der Arbeitszeiten betreut werden sollten. Dann gibt es noch dringliche Kinder in speziellen Situationen – vorübergehend kranke Eltern, beispielsweise. Ach, und Kinder, die wegen der knappen Platzsituation noch nie im Kindergarten waren und schon fünf sind.

Das Konzept ist natürlich völlig richtig und gut so. All diese Familien sind dringender auf einen Betreuungsplatz angewiesen als wir. So ganz subjektiv ist es für uns aber einfach beschissen unpraktisch. Wir sind deutschsprachig, werden auch ab Herbst wieder beide in Eltern-Teilzeit arbeiten, haben mit dem Jugendamt nichts zu tun und auch sonst kein Problem. Schön. Wirklich. Die Einrichtungen nehmen da auch kein Blatt vor den Mund, nein, da sieht es natürlich schlecht aus mit einem Platz dieses Jahr, er ist ja erst drei und wir haben nur 5 Plätze pro Gruppe zu vergeben… (und ihr seht jetzt auch, warum – siehe oben – ein Kindergartenstart mit unter drei Jahren nur rosa Traumschaum ist.)

Es bleiben private Einrichtungen. In den meisten Fällen sind das Elterninitiativen, die neben einem höheren finanziellen Beitrag auch nicht unwesentliches Engagement verlangen. Mal nur Putzdienste, mal regelmäßiges Kochen für alle, mal Springer für kranke Erzieher. Als Gegenleistung erhält man meist Mitspracherecht in verschiedenen Gebieten, einen besseren Betreuungsschlüssel, andere Konzepte, engere Kontakte und etwas mehr Einblick in den Ort, an dem das eigene Kind die nächsten Jahre verbringen wird. Das ganze steht und fällt also mit der funktionierenden Zusammenarbeit der Eltern.

Kein Wunder, dass die Bewerbungsverfahren dort etwas intensiver sind. Das ist noch untertrieben; zuletzt hatte ich so viel Aufwand wohl für die Bewerbung in meinem Job. Bewerbungsschreiben, Familienfotos, Vorstellungstage, Fragerunden, Hospitationstage. Wir sind in den letzten Wochen von hier nach da gerannt und haben versucht, uns so gut wie möglich zu verkaufen. Was uns die städtischen Plätze unwahrscheinlich macht, ist für die Initiativen eher positiv: Zeit für Engagement, weil immer einer zuhause ist. Sichere Jobs und damit verlässlich fließende Beiträge. Zwei Elternteile, die sich mit einbringen können. Man stellt sich im allerbesten Licht dar, fühlt sich dabei oft außerordentlich komisch und hofft auf den Wunschplatz.

In unserem Fall haben wir nun die erste Absage, warten noch auf einen Probetag in einem anderen Haus, auf den vermutlich negativen Bescheid von der Stadt und auf die endgültige Entscheidung im Wunschkindergarten. Ja, wir hoffen, ab Herbst alle drei Wochen kochen und putzen zu dürfen, alle drei Monate die Kindergartenwäsche zu waschen und Notdienste zu schieben, alle vier Wochen auf Elternabende zu pilgern und was sonst noch anfällt. Der Lohn wäre unser Traumkindergarten, mit drei netten Betreuern auf lächerliche 16 Kinder, unfassbar viel Platz drinnen und draußen, einem Konzept nach unserem Gusto und fahrradtauglicher Entfernung.

Drückt uns die Daumen.