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Zuckerfrei

Schon seit einiger Zeit verfolge ich nun das Projekt Sugarfree, das Thomiez gestartet hat und inzwischen einige Anhänger hat. Seit gestern bin ich auch dabei. Sogar noch besser: ich konnte auch den Mann überreden überzeugen, bis zum ersten Advent auf Zucker zu verzichten.

Dabei geht es mir nicht um Gewichtsreduzierung. Sicher, die würde mir gelegentlich nicht schaden, aber da setze ich auf mehr Bewegung und insgesamt eine vernünftige Ernährung. Es ist auch nicht so, dass ich das Gefühl habe, extrem ungesund zu leben – ich denke, wir sind eigentlich gar nicht so schlecht dabei, wenn auch keine Engel. Was mir allerdings wirklich Unbehagen macht, ist der Stellenwert, den Zucker bei mir hat. Und dazu hole ich nun etwas weiter aus.

In meiner Kindheit bin ich mit relativ wenig Zucker aufgewachsen. Zu trinken gab es nur Mineralwasser. Süße Getränke (Fruchtsäfte eingeschlossen) waren genau wie Nachtisch jeder Art nur an Sonntagen gestattet, speziellere Dinge wie Cola gab es eigentlich ausschließlich an Geburtstagen und Feiertagen. Wir bekamen kein Taschengeld, so dass es auch keine Möglichkeit gab, sich selbst mit Süßigkeiten zu versorgen. Naschzeug beschränkte sich also auf Gelegenheiten wie Nikolaus oder auf die geteilte Tafel Schokolade von Oma. Daneben gab es zu bestimmten Anlässen, etwa bei “schlimmen” Arztbesuchen oder besonders guten Noten, gelegentlich einen Kaugummi oder einen Schokoriegel.

Als ich als Jugendliche begann, eigenes Geld zu verdienen, begann ich auch damit, mir Süßes zu kaufen. Anfangs relativ wenig, schließlich waren die Finanzen bei zwei Nachhilfestunde pro Woche nicht üppig, und ich sparte gern. Später, in der Oberstufe, kam ich eine Zeitlang allerdings tatsächlich auf durchschnittlich 200g Schokolade pro Tag. Verhängnisvoll war wohl, dass mir diese täglichen 200g auch nach 2 Jahren (ja!) nicht anzumerken waren. Die Zähne waren wunderbar in Form und ich hatte Untergewicht wie eh und je, egal wieviel und was ich aß. Für mich gab es also keinerlei Grund, mein Verhalten zu ändern.

Dann kam das Studium, wo dank BAFöG das Geld eher knapp war. Zumindest so knapp, dass ich Naschzeug und süße Getränke meist unter “unnötige Ausgaben” einstufte. Trotzdem gab es hin und wieder Süßes – und zwar leider meist nach dem ganz oder gar nicht Prinzip. Also keine Schokolade, wenn ich einfach keine kaufte, aber dann die ganze Tafel in einer Stunde inhaliert, wenn sie doch mitgenommen wurde.

Noch etwas später begann ich damit, besonders in Stresszeiten viel Süßes zu essen. Also immer dann, wenn Prüfungen anstanden und der entsprechende Lernaufwand samt Prüfungsangst mir die Schweißperlen auf die Stirn trieb. Auch hier wieder: solche Fresswochen hatten rein gar keinen Einfluß auf mein Gewicht. Heute weiß oder vermute ich, dass das an meiner Schilddrüse lag, aber das ist wieder eine völlig andere Geschichte. Jedenfalls ist Disziplin im Zusammenhang mit Schokolade & Co nicht meine Stärke.

Noch schlimmer finde ich allerdings, dass ich Süßes als Belohnung benutze. Für mich selbst. Wenn die Tage besonders stressig waren, wenn ich anstrengende Nächte hatte, dann “belohne” ich mich gerne mit Zuckrigem. Da gönnt man sich dann ein großes Eis oder ein schönes Stück Schokokuchen und sagt sich dabei, dass man das nun ja auch wirklich verdient hätte bei so viel Stress. Sicher, es tut ganz gut, aber muss es wirklich immer der Zucker sein? Will ich das als Vorbild für den Knirps – dass man sich etwas vorgeblich gutes tut, indem man Süßes ißt? Dass es in Ordnung ist, ungesünder zu leben, wenn man sich unwohl fühlt? Vielleicht mache ich mir ja da viele Gedanken um nichts, aber mir gefällt diese Richtung nicht. Ich will nicht, dass der Knirps den Zucker als Stressflucht und Belohnungsmittel kennenlernt. Süßes – gerne, aber mit Genuß und Bedacht. Und nicht, wie ich letzte Woche mit krankem Knirps und krankem Mann und daraus folgendem Stress, zwei Tafeln Schokolade in zwölf Stunden, ohne dass es wirklich irgendetwas ändern würde.

Lange Rede, kurzer Sinn:wir beide wollen also in nächster Zeit auch auf Zucker verzichten. Den Zeitrahmen haben wir auf den ersten Advent gesteckt, um realistisch zu bleiben. Außerdem habe ich die Regeln für mich etwas angepasst: ich möchte auch auf Zucker im Kaffee und süße Brotaufstriche verzichten. Ich bin nämlich in solchen Fällen äußerst kreativ, was Regelumgehungen angeht, und rühre Nutella auch gerne in den Kaffee oder bestreue dann jedes Brot dick mit Zucker – und das ist nicht Sinn der Sache. Süße Getränke und Desserts sollen sowieso tabu sein. Ausnahmen dagegen möchte ich mir ein oder zwei mal die Woche gönnen, etwa einen selbstgebackenen Kuchen am Wochenende oder einmal eine heiße Schokolade mit viel Kakao und wenig Zucker an düsteren Herbstabenden. Für heute und gestern kann ich schon mal sagen: durchgehalten. Und noch bin ich auch für die nächsten vier Wochen motiviert.